Zarte Linie

– 2001

                   
                   

 

„Zarte Linie“ werde ich es betiteln, sagt Aliona lächelnd. Ich schaue mir diese zarten Linien an. Ich möchte fragen, was denn eine Linie eigentlich bedeutet, ein Spaltline oder eine Bindelinie?

Ich frage Aliona was ein Photogramm denn ist. Sie erklärt mir. Ich verstehe nur, daß sie etwas auf den Tisch legt, und dann mal gibst es Licht, mal gibt es kein Licht. Hat sie mir vielleicht doch das Wesentliche erklärt? Ich sehe mir zum Beispiel diese, sich mit Sternen beschäftigenden Helden an – sie scheinen groß zu sein, sehr groß, mythische Riesen, die die Welt gerade zusammenstellen, die Planeten an ihre Plätze setzen, die Entfernungen ein bißchen zurichten, mit irgenwelchem großen Fetzen sie feilen. Licht.
Ich sehe sie nochnals an – mein Gott, was für kleine gebrochene Körper, sie bilden kaum ein einhetliches Ganzes, diese in die Nacht starrenden Gefangenen, unser Vater im Lager, seine besten Freunde in einem anderen, von den Tränen sieht man manchaml alles doppelt, die Sterne sprengen sich, verwandeln sich zu Vögeln, Blumen, Menschen, und umgekehrt, Spiegel, Risse – dunkel, dunkel, dunkel.
Ich sehe die interstellaren Artisten an, den leichten Rausch der seligen Versenkung, das Denkzeichen kretischer Athleten an einem schlanken Vasenbild – und den Sprung vom zwanzigsten Stock, mit sich zurückwichenden Augenzeugen.
Ich sehe auch diese zusammengeschmolzenen Körper an, die zusammen nach dem Unendlichen spähen, aufbrechen, sich schwingen, tanzen – ich sehe sie an, aber was denn? Entzweiung, Flucht, aus dem Mutterleib nach zwei Seiten guckende Zwillinge, zwei verschiedene Pulsationen desselben Herzes, verdammte Arrhythmie, keine Lösung.
Die Frau, die wegschickt und nicht gehen läßt, der Mann, der weggeht und bleibt.
Ein jedes Bild hat zwei entgegensetzte Lesarten. (Um von den unzähligen zwischenfälen ganz zu schweigen.)
„Zarte Linie“ werde ich es betiteln, sagt Aliona lächelnd. Ich schaue mir diese zarten Linien an. Ich möchte fragen, was denn eine Linie eigentlich bedeutet, ein Spaltline oder eine Bindelinie?
Was Zärte ist, weiß ich schon: es ist ein Lächeln, das verbleibt, mag es Licht geben oder nicht. Wenn es kein Licht gibt, macht es welches.

 

Szerző: Noémi Saly
Fordító: Translated by Dezső Bánki
Nyelv: deutsch
Megjelenés dátuma: 2001
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