Ich möchte Sie mit einem persöhnlichen Geständnis

2006

                   
                   

 

Ich möchte Sie mit einem persöhnlichen Geständnis überraschen, und Ihnen kurz darüber berichten, wie angenehm es ist, heute in einem ungarischen Kulturinstitut in Wien zu arbeiten. Tag für Tag erleben wir das Interesse und die Sympathie, die gegenüber Ungarn und der ungarischen Kultur bekundet werden. Während das Collegium Hungaricum 1924 mit dem Ziel errichtet wurde der internationalen Isolation Ungarns Entgegenzuwirken, gilt unser Institut im Jahre 2005 – bei all unseren Aktivitäten – nur noch als einer unter vielen Kanälen, durch die der kulturelle Austausch zwischen unseren Ländern stattfindet. Die Anzahl der gemeinsamen Ausstellungen, Konzerte, wissenschaftliche Veranstaltungen und Bildungsprojekte ist beträchtlich. Vom Gebiet der kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn würde ich gar nicht behaupten, dass mit dem 1.Mai 2004 eine neue Epoche ihren Anfgang genommen hätte, die beiden Nachbarn waren ja bereits vor dem EU- Beitritt Ungarns durch zahlreiche Fäden miteinder berbuden.

Budapest kann sich über seine Fotografen nicht beschweren. Viele haben die unerschöpflichen Möglichkeiten, die die Hauptstadt zum Festhalten anbot, bereits früh entdeckt. Ihre viel erwähnte schöne Lage, die wogende, ehemals angeblich blaue Donau, die sie überspannenden schlanken Brücken, die hügelige Budauer Seite, die prachvollen Palais des Schlossbergs, die alte Welt von Óbuda, das zum Abriss verurteilte Tabán (das Budapests Grinzing und Montmartre hätte sein können), das wimmelnde Leben in den Pester Bezirken zog die Fotografen mit einer jewels anderen Athmosphäre magisch an. Ihre Denkmäler, prächtigen öffentlichen Gebäude, die Miethäuser, die an der Jahrhundertwende errichtet
wurden, boten frühmorgens, mittags und beim Sonnenuntergang einen anderen Anblick. Das Bild der Straßen und Plätze änderte sich Minute für Minute. Mal enstand ein Getümmel, das es sich festzuhalten lohnte, mal drückte der Fotograf von der Menschenleere inspiriert auf den Knopf. Das Interesse für Budapest wurde nicht geringer, im Gegenteil, mit der Zeit stieg es sogar noch weiter an. Es wurden und werden massenweise Fotos von ihm gemacht.
Die Geschichte Budapests, die mit Licht geschrieben wurden, nahm 1860 mit den Bildern des Budaer Fotografen Heidenhaus ihren Anfang. Von der Aufzählung der Namen, die zwischen Heidenhaus und Aliona Frankl liegen, würde ich – in unser allem Interesse – absehen, statt dessen gestatten Sie mir einige Sätze über die Beziehungen der Künsterlin zu Wahlheimatstadt zu sagen.
Die Kunstfotografin Aliona Frankl stellt seit 1987 aus. Sie hat ihre Arbeiten in Ungarn und mehreren Ländern jenseits der Grenze gezeigt. 1998 war sie mit einem Stipendium der Galerie Budapest, im Jahre 2000 mit einem Stipendium von Kultur Kontakt Austria in Wien. Charakteristische Themen ihrer Fotografiereihen sind kleine Universen Budapests, die im Scwinden begriffen sich: Ihre Alben tragen die Titel „Alte Geschäfte“, „Schwindendes Budapest“, „Das jüdische Budapest“, „Friedhöfe“, „Kaffenhauser“.

Aliona Frankl fotografiert Budapest seit den 1980er Jahren, dabei dokumentiert sie die Wandlungen der Stadt, das Verschwinden alter Stadtbilderund von Stadtmenschen. Sie ist Zeugin eines Prozesses, der von vielen – den Optimisten – als Entwicklung bezeichnet wird. Ihre Budapestfotografien waren bereits in mehreren Ausstellungen und Büchern zu sehen.

Die Künstlerin erzählt:
„In Budapest zu leben inspiriert mich, fremde und eigene Lebensbilder des alltäglichen Stadtlebens einzufangen: Dinge, die versteckt liegen in geheimen Gärten, Momentaufnahmen und Szenen.
Gerade in einer Zeit der politischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen, beschleunigen sich solche Lebensbilder. Ich bin froh darüber, zahlreiche dieser ‚Bildgeschichten‘ gesammelt zu haben, eben für die zukünftige Generationen.“

Bilder, die eine Stadt porträtieren, können vielerlei Beweggründe bzw.
Ziele haben: Sie können touristischen Zwecken dienen, schöne Winkel und/oder scheußliche Ecken einfangen, die Vergagenheit heraufbeschwören, Gegenwart und Vergagenheit nebeneinanderstellen, oder sich einer Stadt, „städtischer Szenen“ nur als Inspirationsquelle beiden. Von den Bildern von Aliona Frankl kann man am ehesten letyteres vermuten.

Ihre Bilder gehen auf einen immer kleineren Blickwinkel zu, sie zeigen immer kleinere Details von einer Stadt: einen vereinsamten Schornstein, ein Stiegenhaus, das Eisengitter eines Geländers, die Fenster einer beinahe einstürzenden Feuermauer, in veriassenen Höfen berumstehende Statuenfragmente, Torsos, die ehemals ein Ganzes waren. Meistens sind das Details, an denen auch wir Tag für Tag vorbeigehen, ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, und wenn wir sie doch bemerken, tun wir das nicht wie die Fotografin, unsereWahrnehmung funktioniert anders. Zum Glück hat Aliona Frankl einen anderen Blick, und was sie durch ihre Kamera erblickt, zeigt uns auch.
Bei der Entstehung dieser Aufnahmen trat die Fotografin – im wortwörtlichen Sinne – noch näher an deren Gegenstand, sie fasste den Blickwinkel noch kleiner. Beim Betrachten der Bilder wissen wir gar nicht mehr, wo, welcher Stadt wir uns befinden; selbst das Land kann man nur anhand einiger Namen und Wortfragmente herausfinden, die man hie und da enträtseln kann – vorausgesetzt, man kennt bereits diese, als europäisches Exotikum geltende Geheimsprache.
Aliona Frankl fotografierte früher bezeichnenderweise Details, deren Präsenz in der Zeit nur zufällig ist. Kleine Läden vor Auflösung, Kaffeehäuser, die gerade ihre letzten Tage erleben, Leuchtschriften von Bistros vor dem Vergänglichkeit auch auf diesen Bildern zu ertappen ist – wo ist denn schon jener Mann, der am 5. Mai 1905 seine Handschrift an der Ziegelmauer des Krankenhauses zum hl. Johannes hinterließ –, aber die Monogramme, Daten, Namen und Zeichnungen lassen die ephemeren Stimmungen, Situationen und Lebensverhältnisse in der Ewigkeit erstarren.

Zum Glück ist es heute – nach einer Distanz von mehreren Jahrzehnten – wieder selbstverständlich, dass Kunstschaffende von Budapest nach Wien reisen und umgekehrt. Vor hundert Jahren waren die künstlerischen und geistigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, den beiden Hauptstädten, besonsers intensiv, und der kulturelle Austausch alltäglich und selbstverständlich:

„Für uns damalige Jugendliche waren ein Pferderennen, eine Theaterpremiere, eine Delegiertensitzung oder eine lokale Tagung immer ein guter Grund, um in großen und lärmenden Scharen wie die ziehenden Wildgänse nach Wien zu marschieren. Die Fahrt kostete uns kaum etwas, und heute können wir schon ruhigen Gewissens zugeben, was vor 40 Jahren einem Hochverrat gleichgekommen wäre, nämlich daß die Lebensformen Wiens ruhiger, vornehmer und attraktiver waren, als jene vont Budapest, das gerade seine Flegeljahre lebte“ – liest man in den Erinnerungen von Ferenc Herczeg, einem der erfolgreichsten ungarischen Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die nun zu eröffnende Ausstellung empfehle ich Ihrer Aufmerksamkeit in der Überzeugung, dass auch sie einen Beitrag dazu leisten wird, dass die Strömung der geistigen Werde wieder so reichlich und natürlich wird, als zu jener Zeit, als wir noch Teil einer anderen Gemeinschaft waren.

 

Szerző: Dr.Zoltán Fónagy
Nyelv: deutsch
Megjelenés dátuma: 2006
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